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Informationen
zu Zwangserkrankungen:
Erleben, Symptome, häufige Fragen und Selbsthilfe
Ungefähr
2-3% der Bevölkerung leiden unter Zwangserkrankungen. Aus Scham
trauen sich viele Betroffene nicht zur Therapie. Die Erfolgschancen
der Therapie haben sich aber durch die Entwicklung von verhaltenstherapeutischen
Methoden in den letzten Jahren stark verbessert .
Wir behandeln
- Kontrollzwänge
(z.B. bezogen auf elektrische Haushaltsgeräte, Türen,
Wasserhähne usw.)
- Waschzwänge,
d.h.die Angst mit bestimmten ekel- und angstauslösenden Substanzen,
Objekten oder Menschen in Berührung zu kommen
- Zwangsgedanken
(einschießende störende und quälende Gedanken)
- zwanghaftes
Horten und Sammeln
- zwanghafte
Langsamkeit
- Eigene
Publikationen (Auszug)
Hoffmann,
N. (1999). Zwangshandlungen
erkennen, verstehen und überwinden. Zürich:
Kreuz Verlag.
Hoffmann,
N. & Hofmann, B. Expositionen bei Ängsten und
Zwängen. (Beltz-Verlag, Weinheim).
Hoffmann,
N. (1990). Wenn Zwänge das Leben einengen.
Mannheim: PAL
Hoffmann,
N. (1998). Zwänge und Depressionen. Pierre
Janet und die Verhaltenstherapie. Berlin: Springer
Hofmann,
B. & Hoffmann, N. (1998). Kognitive Therapie bei
Zwangsstörungen.
In:
H. Ambühl (Hrsg.): Psychotherapie der Zwangsstörungen.
Thieme, Stuttgart, New York.
Hoffmann,
N. & Hofmann,B. (2005). Verhaltenstherapie bei Zwangsgedanken.
In H.-U. Wittchen & P. Neudeck (Hrsg.): Konfrontationstherapie
bei psychischen Störungen. Stuttgart: Hogrefe.“
Hofmann,
B. & Hoffmann, N. (2005). Subjektkonstituierung als
Ziel bei der Bewältigung von Zwangsstörungen.
In: H. Ambühl (Hrsg.): Psychotherapie der Zwangsstörungen.
Thieme, Stuttgart, New York.
Wie
werden Zwänge erlebt?
Hier
einige typische Äußerungen:
–
Ich sehe ja jeden Abend, dass der Gasherd aus ist, aber ich kann
nicht aufhören, an den Knöpfen herumzudrehen, immer wieder
und immer wieder. Mir ist so, als kommt das Erleben im Kopf nicht
richtig an und ich kann mir nicht vertrauen.
– Ich könnte nie die Straße überqueren, wenn
ein Leichenwagen vorbeigefahren ist. Ich müsste meine Schuhe
ständig reinigen oder gleich wegwerfen. So bin ich manchmal
gezwungen, den größten Umweg in Kauf zu nehmen. Es ist
eine Qual.
– Der Gedanke, ich könnte im Gerichtssaal mitten in meinem
Plädoyer mich plötzlich ausziehen, verfolgt mich Tag und
Nacht. Ich weiß, dass es Quatsch ist, aber ich werde diese
entsetzliche Vorstellung nicht los.
Zwangsgedanken in Abgrenzung zu „normalen Sorgen“
Sorgen
betreffen reale Lebensprobleme. Sie mögen Außenstehenden
vielleicht übertrieben vorkommen, sie sind aber auch für
sie nachvollziehbar und behalten den Bezug zur Wirklichkeit. Ist
die entsprechende Angelegenheit gut verlaufen, dann hören die
Sorgen meist auf. Zwanghaft wiederkehrende Gedanken oder Befürchtungen
hingegen »Ich könnte mit Hundekot in Berührung gekommen
sein, ich könnte aus Unachtsamkeit ein Kind verletzt haben«,
und so weiter beziehen sich in der Regel auf einen relativ eingeschränkten
Bereich. Er ist charakteristisch für die jeweilige Störung
des Betroffenen und ist für Außenstehende in dieser Brisanz
überhaupt nicht mehr einfühlbar: Wie kann man sich den
ganzen Tag mit Hundekot beschäftigen?
Vor allem aber veranlassen diese Gedanken die Zwangskranken zu einem
Verhalten, wie ständigem Waschen, Kontrollieren oder dergleichen
mehr, das völlig übertrieben und unangemessen erscheint.
Es liegt deutlich außerhalb des Bereichs der »normalen«
Vorsichtsmaßnahmen. Vom Zwang betroffene Menschen aber werden
immer wieder entgegnen: Ich kann nicht anders. Weder gegen diese
Gedanken noch gegen diese Gefühle kann ich mich wehren, auch
wenn sie noch so abwegig erscheinen. Ich muss dann entsprechend
handeln, um wenigstens einigermaßen dagegen anzukommen. Darin
besteht das Erlebnis des inneren Zwanges, des grundlegenden Merkmals
aller Zwangserkrankungen.
Zwangserkrankungen
sind mehr oder weniger schwere seelische Störungen verschiedener
Art, die aber alle in irgendeiner Form das Erlebnis des Zwanges
als gemeinsames Element beinhalten. Schauen wir uns an, was darunter
zu verstehen ist.
Im Bereich der Zwangserkrankungen wird eine Erfahrung ausgesprochen,
die im normalen Seelenleben unbekannt ist: Das Erleben, gezwungen
zu sein, bestimmte Gedanken zu denken oder bestimmte Handlungen
auszuführen, ohne sich dagegen wehren zu können.
Anders ausgedrückt: Das Erleben, dass eine Kraft in uns uns
zu etwas zwingt, ohne dass wir ihr ausreichend Widerstand entgegenzusetzen
hätten.
Diese Erfahrung ist in höchstem Maße bedrohlich. Man
kann sie nicht einordnen, sucht vergeblich nach einer Erklärung,
will widerstehen und erlebt dabei immer wieder Niederlagen. Das
ganze Leben wird negativ beeinflußt, ja, es kann zu einem
einzigen Kampf zwischen den normalen, gesunden Anteilen und dem
Zwang werden.
Die
Symptome der Zwangserkrankung
Wir wollen
an dieser Stelle die wichtigsten Symptome des Zwanges aufzählen
und kurz erläutern. Wir werden sie in den folgenden Kapiteln
ausführlicher kennen lernen.
Zwangsbefürchtungen
sind Ängste, die sich angesichts bestimmter Objekte oder Situationen
aufdrängen, ohne dass objektive Gründe dafür vorliegen.
Beispiele
sind die Angst, durch Berührung von Münzen mit Tollwut
angesteckt zu werden, oder aber die Angst, dass durch das Ausgeben
eines Geldscheines, der eine 19 in der Seriennummer enthält,
einem lieben Menschen ein schreckliches Unheil droht.
Statt Angst kann in einigen Fällen ein Ekelgefühl im Vordergrund
stehen, so z.B. beim Berühren von Türklinken, wenn die
Befürchtung besteht, sie könnten mit Schimmelpilz in Kontakt
gekommen sein.
Zwangsgedanken sind Gedanken oder bildhafte Vorstellungen,
die scheinbar ins Bewußtsein „einschießen”
und schwer abgestellt werden können, auch dann, wenn der Betroffene
sie als „sinnlos” erlebt.
Beispiel von Zwangsgedanken: Einer Mutter drängt sich immer
wieder die Idee auf, sie könnte ihr Kind unabsichtlich verletzen;
ein Konzertbesucher wird immer wieder von dem Gedanken geplagt,
er könnte plötzlich obszöne Worte in den Raum schreien.
Zwangsgrübeleien
sind immer wiederkehrende und sich wiederholende Gedankenketten.
Sie können Probleme des täglichen Lebens betreffen, führen
aber zu keinem Ergebnis, weil sie immer wieder im Kreise verlaufen.
Eine Hausfrau grübelt: „Habe ich den Küchenboden
gesäubert? Habe ich ihn wirklich saubergemacht? Wann ist er
wirklich sauber? Könnte es sein, daß er an der Oberfläche
zwar sauber, aber in der Tiefe noch schmutzig ist?”
Zwangsgedanken
können aber auch ganz banale Angelegenheiten betreffen: „Hat
die Sprecherin im Fernsehen die neue Frisur, weil ihr Ehemann oder
der Chef es so wollten? Wenn sie sie selbst ausgesucht hat, gefällt
sie dann dem Ehemann und dem Chef? Oder nur dem Ehemann und nicht
dem Chef?” Darüber hinaus können Zwangsgedanken
sich aber auch mit sehr ausgefallenen und bizarren Fragen beschäftigen:
„Rechnet der liebe Gott nach dem Dezimal- oder nach dem binären
System?” - „Was wäre aus dem Volk Israel geworden,
wenn das Rote Meer sich nicht vor Moses geteilt hätte?”
Zwangsimpulse
sind sich immer wieder zwanghaft gegen inneren Widerstand aufdrängende
Antriebe, bestimmte Handlungen auszuführen.
So kann z.B. der Impuls erlebt werden, alte Zeitungen vor dem Wegwerfen
immer wieder daraufhin zu kontrollieren, ob nicht wichtige Geschäftspapiere
dazwischengeraten sind. Ein anderes Beispiel ist der Impuls, beim
Fernsehen immer wieder die Jackenknöpfe der Schauspieler zu
zählen.
Zwangshandlungen
sind meist aufgrund von Zwangsimpulsen oder Zwangsbefürchtungen
vorgenommene Handlungen, die ausgeführt werden, obwohl der
Kranke sich innerlich dagegen sträubt oder sie gar als unsinnig
erkennt.
So etwa: zwanghaft wiederholte Kontrollen der Wasserhähne oder
das zwanghafte Waschen der Hände nach der Berührung mit
Objekten, die man für gefährlich hält.
Wir können
insgesamt vier Typen von Störungen unterscheiden:
Kontrollzwänge, Berührungsängste und Waschzwänge,
zwanghafte Langsamkeit und Zustände, bei denen Zwangsgedanken
eindeutig das Bild beherrschen. Die meisten Betroffenen leiden vor
allem an einer dieser Störungen, wobei allerdings auch unterschiedliche
Varianten zusammen auftreten können.
Die
Entstehung einer Zwangserkrankung
In einer
bestimmten Lebensphase, meist vor dem 25. Lebensjahr, tauchen gehäuft
Gedanken und Vorstellungen auf, die einen ausschließlich negativen
Charakter haben. Beispiele sind: Ich könnte etwas auf der Straße
übersehen und dadurch jemanden in Gefahr bringen. Ich könnte
mit Krebs erregendem Schimmelpilz in Berührung kommen und ihn
weiterverbreiten, und so weiter. Bislang hat dieser Gedanke kaum
eine Rolle gespielt, erlangt aber nun eine enorme Bedeutung. Manchmal
vollzieht sich die Entwicklung mehr schleichend, oft erfolgt aber
auch der Einbruch der Gedanken mit großer Wucht, praktisch
von einem Moment zum anderen. Oft sind es Lebenszeiten, in denen
allgemeine Unsicherheit, Orientierungslosigkeit (ich habe keinen
richtigen Boden unter den Füßen) vorherrschen. Oft treten
Zwänge auch nach Demütigungssituationen auf, in denen
die Intimgrenze, die Grenze zwischen „Selbst und Fremd“
durchbrochen wurde. Mit den Gefühlen kann in der Realität
nicht so gut umgegangen werden. Nun wird das Gefühl symbolisiert,
die Nebenbühne des Zwanges tritt in den Vordergrund des Erlebens:
Künstliche bedrohliche Gedankenkonstruktionen entstehen (die
allerdings nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben).
In allen Fällen erleidet die Person den Zwang, etwas gegen
das befürchtete Unheil zu unternehmen. Ist zum Beispiel ein
Kontakt mit einem gefürchteten Objekt wie einer Türklinke,
die in der Vorstellung mit Schimmelpilz verseucht sein könnte,
erfolgt, so muss die Reinheit des eigenen Körpers durch wiederholtes
Händewaschen wiederhergestellt werden. In anderen Fällen
gilt das Unheil als noch nicht erfolgt: Ich kontrolliere die Straße,
um ganz sicher zu gehen, dass ich nichts übersehen habe, wie
einen Nagel, an dem ein Kind sich verletzen könnte.
Auf der einen Seite stehen also zwanghaft auftretende Gedanken,
begleitet von unangenehmen Gefühlen wie Unruhe, Angst oder
Ekel, auf der anderen Seite glaubt der Betroffene etwas unternehmen
zu müssen, um die damit verbundene Gefahr abzuwenden. Das ist
die allgemeine Struktur von Zwangserkrankungen.
Selbsthilfe
und Psychotherapie
bei Zwangserkrankungen
Und draußen war ein Tag aus Blau und Grün
mit einem Ruf von Rot an hellen Stellen
Rainer Maria Rilke
Das sollten Sie wissen: Häufige Fragen
zur
Zwangserkrankung
Bevor wir zu den Möglichkeiten einer nützlichen und verantwortungsvollen
Selbsthilfe bei Betroffenen Stellung nehmen, möchten wir noch
kurz auf einige typische Fragen eingehen, die mir von Patienten
und in Briefen immer wieder gestellt werden.
Auf die Art können wir auch einiges von dem schon Gesagten
kurz wiederholen, zusammenfassen und ergänzen.
Ich
habe Ihnen meine Probleme geschildert. Was ist mit mir los? Bin
ich krank?
Was Sie
mir geschildert haben, kann man in der Tat eine »seelische
Störung« oder, wenn Sie so wollen, eine Krankheit nennen.
Aber dieser Ausdruck soll Sie nicht erschrecken.
Genau wie beim Menschen einige seiner Organe, wie das Herz oder
die Leber oder die Wirbelsäule, in ihrer
Funktionsweise gestört sein können, kann auch seine »Seele«
zeitweilig aus dem Gleichgewicht geraten. Er leidet dann gehäuft
an unangenehmen Gefühlen wie Angst, Ekel oder Niedergeschlagenheit,
er erlebt sich in seinem täglichen Leben als überfordert
oder zeigt ein Verhalten, das ihm selber oder anderen als »nicht
normal« vorkommt. Dabei können andere Bereiche seines
Innenlebens und seines Verhaltens davon völlig unbetroffen
sein. Tritt ein solcher Fall zeitweilig ein, so sprechen wir von
einer seelischen Störung oder von einer psychischen Erkrankung.
Die meisten sind übrigens vollständig zu heilen, wie bestimmte
körperliche Erkrankungen auch, ja in einigen Fällen verschwinden
sie von selber, d.h. ohne gezielte professionelle Hilfe. Man könnte
sagen, der Mensch hat seine Krise überwunden, oder auch: Das
Leben als solches, oft in Form von menschlichen oder anderen günstigen
Umständen, hat ihn geheilt. In anderen Fällen bedarf es
einer gezielten Hilfe, etwa in Form einer Therapie.
Sind
auch bei Zwangserkrankungen Teile des Körpers zerstört?
Sind meine Nerven kaputt? Ist mein Gehirn ganz oder teilweise außer
Funktion gesetzt?
Alles,
was sich beim Menschen im Erleben und in dem Verhalten abspielt,
hat auch eine Beziehung zu seinem Körper, besonders zu dem
Gehirn. Man spricht deshalb auch von der Leib-Seele-Einheit.
Vorweg: Kein Teil Ihres Körpers ist zerstört, Ihre Nerven
sind nicht kaputt und Ihr Gehirn ist nicht außer Funktion
gesetzt. Es wurde lediglich festgestellt, dass mit der Zwangserkrankung
bestimmte ungewöhnliche Prozesse im Gehirn einhergehen. So
ist der Stoffwechsel in einem bestimmten Teil deutlich erhöht.
Das zeigt an, dass dort eine vermehrte Aktivität stattfindet.
Diese Gehirnanteile sind verantwortlich für uralte Verhaltens-
und Denkmuster, die im Wesentlichen dem Schutz und der Absicherung
dienen. Auch Kontrollmechanismen anderer Gehirnteile, die diese
älteren Zentren dämpfen und in ihrer Auswirkung auf das
Erleben sozusagen »an der Kandare halten«, verlaufen
nicht optimal. Insofern haben auch Zwänge eine gewisse Basis
in unserem Gehirngeschehen, wie übrigens jedes andere menschliche
Erleben auch. Doch die meisten anderen Abläufe verlaufen auch
bei Zwangskranken völlig normal. Interessanterweise haben Forscher
herausgefunden, dass die Unregelmäßigkeiten im Gehirn
voll rückgängig zu machen sind, z.B. durch eine erfolgreiche
Verhaltenstherapie.
Leide
ich an einer Geisteskrankheit? Bin ich verrückt oder dabei,
es zu werden?
Solche
Fragen drücken eine tief greifende Verunsicherung bezüglich
des eigenen Zustandes und der eigenen Zukunft aus. An der Stelle
dürfen wir Sie mit gutem Gewissen beruhigen. Zwangserkrankungen
werden nicht zu den »Geisteskrankheiten«, den so genannten
Psychosen, gerechnet und bilden auch kein Vorläuferstadium
dazu. Beide Störungen sind völlig voneinander unabhängig.
Wenn Sie an einer Zwangsstörung leiden, sind Sie also nicht
verrückt und auch nicht dabei, es zu werden.
Kann
ich heiraten, Kinder in die Welt setzen, einen normalen
Beruf ausüben? Bin ich überhaupt noch zurechnungsfähig?
Sie sind
voll zurechnungsfähig und können ein ganz normales Leben
führen, siehe oben.
Nur manchmal merken Sie, dass die Zwangsgedanken und -handlungen
Sie dabei stören, sowohl bei Ihren Beziehungen wie auch bei
der Arbeit. Die Hartnäckigkeit, mit der Ihre Erkrankung Sie
»zwingt«, falsche Ziele kurzfristig zu verfolgen, erweist
sich manchmal als sehr störend. Insofern kann die Zwangskrankheit
ein Erschwernis bilden, und es ist um so wichtiger, dass Sie etwas
dagegen unternehmen.
Ich
fühle mich oft so zerrissen.
Auf der einen Seite muss ich bestimmte Dinge denken und tun, auf
der anderen Seite finde ich sie oft geradezu unsinnig.
Bedeutet das nicht, dass ich eine »gespaltene Persönlichkeit«
bin, d.h. schizophren?
Zwangserkrankungen
sind keine Form der Schizophrenie. Beide Krankheiten sind völlig
voneinander unabhängig. Das Gefühl der inneren Zerrissenheit
drücken viele Betroffene in der einen oder anderen Form aus.
Es betrifft einmal das, was Sie eben gesagt haben: Auf der einen
Seite die Gedanken und die Handlungen, von denen Sie glauben, sie
denken und sie tun zu müssen.
Auf der anderen Seite haben Sie eine mehr oder weniger große
Distanz dazu, d.h. Sie erleben sie als übertrieben oder gar
als unsinnig.
Sie sind sozusagen gezwungen, gleichzeitig in zwei Welten zu leben
und sie unter einen Hut zu bringen: Auf der einen Seite das normale
Leben mit seinen Aufgaben und Anforderungen, auf der anderen Seite
das, was Ihre Krankheit, d.h. was der Zwang Ihnen auferlegt.
Je nach der Situation tritt die eine oder die andere Seite mehr
in den Vordergrund.
Sie haben dann den Eindruck, dass Sie eine »gespaltene Persönlichkeit«
sind, aber das hat nichts mit einer Geisteskrankheit zu tun, sondern
ist ein ganz normales Empfinden, das Ihre schwierige Lage wiedergibt.
Was
ist denn nun eine Zwangserkrankung?
Die wichtigsten
Merkmale von Zwangserkrankungen nach den international anerkannten
Diagnosekriterien (ICD 10) sind:
•
Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen (oder beides) erfolgen so gut
wie jeden Tag über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen.
•
Die Zwangsgedanken werden von Betroffenen als die eigenen angesehen.
Sie haben nicht den Eindruck, dass sie ihnen von anderen Personen
oder von äußeren Einflüssen vorgegeben werden.
•
Die Zwangsgedanken oder -handlungen treten ständig wieder auf.
Sie werden als störend und als unangenehm empfunden. Es besteht
eine gewisse innere Distanz dazu, die von Situation zu Situation
schwanken kann. In ruhigen Momenten werden sie als völlig sinnlos
anerkannt.
•
Der Betroffene versucht Widerstand gegen die Zwangssymptome zu leisten,
ist dabei aber meist nicht erfolgreich.
•
Der Betroffene leidet an den Symptomen. Er wird in seinem Sozialleben
und in seiner Leistungsfähigkeit gehindert, z.T. auch deshalb,
weil der Zwang einen hohen zeitlichen Aufwand verlangt.
Ich
fühle mich manchmal so niedergeschlagen, geradezu depressiv.
Wird das immer so sein oder schlimmer werden?
Ein großer
Teil der Zwangskranken leiden sehr häufig an depressiven Verstimmungen.
Sie sind
teilweise ein Ergebnis der vielen Verzichte, die der Zwang im täglichen
Leben auferlegt, und der Freudlosigkeit, die dadurch entsteht.
Zum anderen fühlen sie sich häufig erschöpft und
haben das Gefühl, den ständigen Anforderungen, die die
Zwangserkrankung mit sich bringt, nicht mehr gewachsen zu sein.
Sie glauben dann, nie mehr ein befriedigendes Leben führen
zu können, und das kann zur Niedergeschlagenheit bis zur seelischen
Depression führen.
Die Stimmung bessert sich dann, wenn die Zwangserkrankung sich bessert,
in einigen Fällen muss die Depression gesondert medikamentös
oder psychotherapeutisch behandelt werden.
Ich
habe manchmal das Gefühl, nicht mehr richtig zu leben und wie
ein Automat durch die Gegend zu laufen. Warum ist das so?
Diese
Empfindung haben viele Zwangskranke.
Sie ist ein integraler Bestandteil der Störung. Es ist das
Gefühl innerlich wie leer oder zumindest blockiert zu sein,
mit einem Wort, keine ganze voll lebendige Person zu sein. Wir nennen
diesen von den Betroffenen erfundenen Zustand auch »Depersonalisation«.
Manchmal kommt ihnen auch die Umgebung, in der sie sich gerade bewegen,
als irreal, unscharf und unwirklich vor. Dann sprechen wir von »Derealisation«.
Diese Empfindungen entstehen zum Teil dadurch, dass normale Gefühle
nicht mehr voll zur Entfaltung kommen, weil sie immer wieder überlagert
werden durch die »falsche Ordnung«, die durch die Unterwerfung
unter die die Diktate des Zwanges kurzfristig entsteht.
Diese Krankheitsempfindungen werden in dem Maße zurückgehen,
wie es gelingt, den Zwang abzubauen. Wichtig dabei ist: Betroffene
haben die Fähigkeit, sich wieder voll lebendig und die Welt
als reich und bunt zuempfinden, nicht ein für alle mal verloren,
sondern sie kommt letztlich zeitweilig nicht zur Entfaltung.
Ich
fühle mich oft so unsicher, auch im Zwang, z.B. beim Kontrollieren
oder beim Waschen. Ich weiß dann nicht, ob ich etwas wirklich
getan habe oder ob ich es mir eingebildet habe, oder ich habe das
Gefühl, etwas »nicht richtig« getan zu haben. Können
Sie das verstehen?
Auch
hier sprechen Sie eines der Zentralphänomene der Zwangserkrankung
an.
Diese Empfindung wurde zum ersten Mal von dem großen französischen
Psychologen Pierre Janet (1859-1947) beschrieben. Wir nennen sie
»Unvollständigkeitsgefühl«. Die Betroffenen
haben die Empfindung, dass ihre seelischen Aktivitäten bis
hin zum Verhalten »unvollständig« sind, und sie
haben je nach Situation viele Beschreibungen und Bilder, um dieses
Gefühl auszudrücken. Ihnen allen ist die Klage gemeinsam,
dass sie in kritischen Situationen kaum etwas, was sie tun, denken
oder fühlen, als ganz und vollständig empfinden. Es fehlt
immer etwas, das ihnen die Sicherheit vermitteln würde, dass
der entsprechende Akt - etwa die Kontrolle eines Haushaltsgerätes
oder ein Waschvorgang - als vollendet oder abgeschlossen gelten
kann. Das quält sie permanent und ist in schweren Fällen
einer der Motoren für die Übertreibungen und Entgleisungen,
die für die Zwangserkrankung typisch sind.
Dann sind besondere therapeutische Maßnahmen dagegen unentbehrlich.
Ich
denke oft Dinge, über die ich kaum zu sprechen wage. Bin ich
verrückt, von Grund auf schlecht, eine potentielle Selbstmörderin
oder eine Kriminelle?
Hier
sind wir bei einem der wichtigsten Bestandteile jeder Zwangsstörung
angekommen, dem zwanghaften Denken.
Es kann zwei Formen annehmen. Einmal das Zwangsgrübeln, das
richtiggehend in Form von Anfällen auftreten kann.
Um Ihnen zu zeigen, dass solche Phänomene, die Ihnen außergewöhnlich
und einzigartig vorkommen, schon seit längerer Zeit sehr gut
bekannt sind, möchten wir Ihnen ein Beispiel Pierre Janets
schildern, das das Grübeln einer Frau in einer ganz einfachen
Situation wiedergibt.
An
einem Donnerstag Nachmittag denkt sie daran, das Abendessen vorzubereiten,
und nimmt einen Topf um unten im Lebensmittelgeschäft für
einige Pfennige Fleischbouillon einzukaufen. Sie hält auf der
Treppe inne. Ihr kam der Gedanke, dass man einen Moment darüber
nachdenken muss, ob es nichts Schlimmes daran gibt, heute im Geschäft
Bouillon einzukaufen. Normalerweise nicht, sagt sie sich, aber heute
ist Donnerstag. Das darf man nicht außer Acht lassen: Was
wird die Geschäftsfrau denken, wenn ich heute Bouillon bei
ihr einkaufe? Wenn sie glaubt, dass ich heute Abend daraus eine
Suppe zubereiten will, so ist das nicht schlimm. Aber man könnte
ja auch vermuten, dass sie sich etwas anderes dabei denkt. Sie könnte
z.B. denken, dass ich morgen eine Suppe kochen will und morgen ist
Freitag, also ein fleischloser Tag. Wenn sie das denkt, wird sie
empört sein. Das ist ja immer so. Ich gebe leider immer ein
schlechtes Beispiel. Wenn ich daran schuld bin, dass die Händlerin
das annimmt, dann habe ich eine Handlung begangen, die vielleicht
an sich nicht so schlimm ist, die aber schrecklich wird durch ihre
Bedeutung. Denn das heißt, dass ich den lieben Gott zum Narren
halte. Das ganze Problem besteht also darin, zu klären, ob
die Händlerin glaubt, ob ich meine Bouillon heute oder morgen
esse. Wie könnte ich diese Frage entscheiden? Ich könnte
nachdenken, ob ich noch genügend in meiner Speisekammer habe,
um mir heute eine Suppe vorzubereiten. Das letzte Mal, als ich sie
gesehen habe, also gestern morgen, habe ich da irgendwelche Hinweise
darauf gegeben, dass ich genügend zu Hause hätte, um mir
heute, Donnerstag, eine Suppe daraus zu bereiten? Was habe ich ihr
also gestern genau gesagt?
Nun grübelt sie endlos darüber nach, was sie gestern zur
Händlerin gesagt hat, aber die Erinnerung daran ist nicht klar
genug, und sie sagt sich schließlich, »wenn die Händlerin
mich also gestern böse angeschaut hat, dann muss ich ihr gestern
etwas sehr Ausgefallenes gesagt haben. Nun muss ich klären,
ob die Händlerin mich gestern böse angeschaut hat oder
nicht. Und das fällt mir sehr schwer. Mit letzter Genauigkeit
kann ich das nicht klären. Das Beste wäre also, meinen
Mann um Rat zu fragen. Aber der Mann wird antworten, und das ist
sicher, du gehst mir auf die Nerven mit deinem Freitag, und das
einzige Ergebnis wird wiederum sein, dass ich dem Mann die Gelegenheit
gegeben habe, schlecht über den lieben Gott zu reden. So ist
das. Ich sorge immer für Skandale. Was bin ich doch für
ein schreckliches, kriminelles Wesen. Wenn ich nur nicht ständig
irgendein Verbrechen begehen müsste und wenn Gott mir helfen
würde, nicht mehr solche Skandale in die Welt zu setzen, dann
würde ich ihm alles versprechen, was er will. Aber wenn Gott
von mir verlangen würde, dass ich meine kleine Tochter umbringe
– er hätte das Recht dazu, da es das Kind einer Verbrecherin
ist und damit eine Verbrecherin selber – ist es besser, weiter
Skandale in die Welt zu setzen oder damit einverstanden zu sein,
meine kleine Tochter mit einem Küchenmesser zu erdolchen ...?«
Man ahnt
das Ende der Geschichte.
Drei Stunden danach kommt der Mann nach Hause und findet die Frau
auf der Treppe, den leeren Topf in der Hand. Sie konnte sich nicht
dazu entschließen, weder
dazu, ins Geschäft zu gehen, noch dazu, nach Hause zu gehen
und etwas anderes zu kochen.
In einem
solchen inneren Monolog, der, wie es deutlich wird, der Reihe nach
alle Themen der Absicherung und der Wiedergutmachung herunterbetet,
stellt sich die permanente innere Qual von Menschen dar, die auf
dem Hintergrund ihrer allgegenwärtigen Sorge eine enorme mentale
Arbeit verrichten, aber damit nirgendwo ankommen. Diese Art von
Zwangsvorgängen kann den Zustand der Kranken derart prägen,
dass sie die Form von Persönlichkeitsmerkmalen annehmen, die
alle Episoden des Lebens durchdringen..
Wie Sie sehen, werden von der betroffenen Frau die Themen: Mache
ich etwas falsch? Ist es möglich, dass ich versage? Was werden
die anderen denken? Wie kann ich mich absichern? endlos wiederholt,
ohne dass sie zu einem klaren und beruhigendem Ergebnis kommt. Das
ist typisch für Zwangsgrübeleien, die, wie wir am Beispiel
gesehen haben, die merkwürdigsten Formen annehmen können.
Die andere Variante des zwanghaften Denkens sind Zwangsgedanken
im engeren Sinne. Wir haben sie besonders am Beispiel von Gisbert
kennen gelernt.
Zwangsgedanken nehmen inhaltlich gesehen immer eine außerordentlich
extreme Form an. Sie sind so angelegt, dass das, was einem das Heiligste
und Teuerste ist, verletzt und vernichtet zu werden droht. Genau
genommen sind sie immer in Form von Fragen gekleidet, meist an sich
selbst aber auch an andere: Könnte es sein, dass ich plötzlich
so die Kontrolle über mich verliere und mich ohne es zu wollen
umbringe? Ich fühle mich so eigenartig, könnte es sein,
dass ich mich so vergesse, dass ich meinem Kind absichtlich schade?
usw. In Wirklichkeit haben Zwangsgedanken zum Ziel, einen Suchprozess
einzuleiten, der zu dem Ergebnis führt, dass ich das Schreckliche
nicht tun werde, aber der Prozess ist sehr mühsam und das gewünschte
Ergebnis stellt sich sehr schlecht ein.
Gibt
es die reale Gefahr, dass ich die schrecklichen Dinge, die mir durch
den Kopf gehen, auch wirklich tue?
Die Antwort
ist : Nein.
Ich werde sie im Teil über Selbsthilfe noch begründen.
Manchmal
habe ich Erlebnisse, die sicher kein Mensch verstehen würde.
So das absurde Empfinden, dass ich nicht ganz bin, dass etwas an
mir fehlt usw. Haben auch andere Menschen solche Gefühle?
Denken
Sie zuerst an das, was wir über Unvollständigkeitsgefühle
gesagt haben. Solche Empfindungen können eine extreme Form
annehmen, so dass der Betroffene selbst sie nicht versteht und sich
nicht traut, jemandem seine Erlebnisse mitzuteilen, unter Umständen
auch nicht seinem Therapeuten.
Um Ihnen zu zeigen, dass Sie auch damit nicht allein sind, möchte
ich Ihnen den Bericht eines meiner Patienten zur Kenntnis bringen:
»Ich
habe mich eben angezogen, um das Haus zu verlassen, und will einen
letzten Blick in den Spiegel werfen. Alles in Ordnung, aber dann
fängt es an. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und kann nicht
weg. Was ist es? Es fehlt etwas. Ich schaffe es nicht, mich einheitlich,
ganzheitlich zu spüren. Es fehlt etwas.
Unter dem Einfluss dieser Gefühle fange ich an, mich zu fragen,
kann es sein, dass etwas nicht abgeschlossen ist, habe ich etwas
nicht ganz oder richtig gemacht? Mansch-Mal versuche ich mich genau
zu erinnern, aber es fällt mir meist kein mögliches Versäumnis
ein. Das Gefühl bleibt.
Ich erreiche
mich selber nicht auf eine zufrieden stellende Art und Weise. Es
fehlt etwas. Dann wird mir bewusst, dass ich ja vor dem Spiegel
stehe. Dann kommt mir der Gedanke, vielleicht bist du nicht ganz
aus dem Spiegel herausgekommen. Ich muss gestehen, dass ich mir
in einem solchen Augenblick kaum vor Augen führe, wie hirnrissig
dieser Gedanke ist. Ja, ich habe sogar erlebt, dass beim nächsten
Mal vor dem Spiegel der Gedanke mir ganz schnell und automatisch
gekommen ist. Was soll ich tun? Ich versuche, ganz richtig aus dem
Spiegel herauszukommen, respektive das Gefühl dafür zu
bekommen. Was soll ich auch anderes tun?«
Sie sehen, auch mit solchen Erlebnissen stehen Sie nicht allein
da und sie bilden auch immer noch das Symptom einer Zwangserkrankung.
Selbsthilfe:
10 Grundregeln für Betroffene
Viele Jahre Arbeit mit Betroffenen haben mich gelehrt, dass sie
keine Wunder vollbringen können. Die Möglichkeiten, die
sie haben, sich selber zu helfen, variieren von Fall zu Fall und
Mensch zu Mensch.
Dennoch scheint es so etwas wie 10 Grundregeln zu geben, die sich
bei nahezu allen Betroffenen im Umgang mit der Zwangserkrankung
als nützlich erwiesen und die längerfristig eine Besserung
fördern.
Grundregeln
der Selbsthilfe im Umgang mit der eigenen Zwangserkrankung
Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken und Ressourcen.
Erkennen Sie Ihren Feind.
Beobachten Sie ihn, kommen Sie ihm auf die Schliche und lernen Sie
ihn immer besser kennen.
Fangen Sie an, andere Menschen mit neuen Augen zu beobachten.
Stellen Sie dem Zwang Fragen, halten Sie nichts von dem, was er
von Ihnen verlangt, für selbstverständlich und geben Sie
nicht mehr automatisch nach.
Fordern Sie ihn heraus und experimentieren Sie mit ihm.
Zwingen Sie sich, zwanghafte Gedanken und Befürchtungen immer
konkreter werden zu lassen.
Lernen Sie immer besser die gegenwärtige Wirklichkeit zu überschauen
und werden Sie immer stärker zum Subjekt kritischer Situationen.
Lassen Sie andere Menschen möglichst aus ihren Zwängen
heraus.
Durchbrechen Sie Ihre Isolation. Wir möchten die einzelnen
Punkte hier kurz erläutern:
1.
Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken und Ressourcen.
Sie haben
sicherlich manchmal das Gefühl, Sie bestehen nur noch aus Ängsten,
Zweifeln und Unsicherheit und sind gezwungen, wie eine Marionette
zu agieren. Das können Sie dann endlos bedauern mit dem Effekt,
dass Sie immer mehr verzagen und jeden Lebensmut verlieren.
Bald wird die Zukunft Ihnen nur noch wie ein großes Fragezeichen
oder aber, im schlimmsten Fall, wie ein schwarzes Loch vorkommen.
In solchen Momenten können Sie aber auch »umschalten«
und sich auf die positiven Aspekte des Lebens besinnen: Welche Menschen
brauchen mich und wie kann ich ihnen helfen? Wer ist für mich
da, wie kann ich es ihm danken und meine Beziehung zu ihm noch verbessern?
Was ist mir über alles lieb und teuer, was macht mir Mut oder
heitert mich auf?
Was kann ich besonders gut, wie kann ich meine Stärken und
Fertigkeiten ausbauen und zur Geltung bringen? Was macht mir Hoffnung
und wie kann ich meinem Ziel, ein besseres und erfüllteres
Leben zu führen, ein Stück näher kommen
Für Zwänge wie für jede andere Schwierigkeit gilt:
Sie machen nie das ganze Leben aus; es gibt auch die andere Seite
der Medaille.
Je mehr ich mich auf mein Problem konzentriere, desto mehr verstellt
es mir die Sicht, und die daraus resultierende Stimmung ist auch
für eine Auseinandersetzung mit dem Problem im engeren Sinne
keineswegs förderlich.
2.
Erkennen Sie Ihren Feind.
Der Zwang
ist meist durch ein unglückliches Zusammenspiel äußerer
und innerer Faktoren entstanden und stellte
zum Zeitpunkt seiner Entstehung eine wenn auch höchst unbefriedigende
Art dar, mit der Gesamtlage umzugehen.
Diese Funktion hat er teilweise noch heute. Er stellt eine Art Kompromiss
dar zwischen einer reifen und differenzierten Art, mit der dunklen
Seite des Lebens umzugehen einerseits, und der totalen Resignation
anderseits. Zwangskranke kämpfen noch, aber die Mittel, auf
die sie sich fixiert haben, sind weitgehend untauglich und richten
langfristig mehr Schaden an, als sie helfen.
Um den inneren Zwiespalt, in dem sich Zwangskranke befinden, wenigstens
etwas zu reduzieren, ist die Versuchung groß, den Inhalt,
den der Zwang vorgibt, zu rechtfertigen, zu verteidigen, ja manchmal
geradezu zu idealisieren.
Es kommt dann zu einer merkwürdigen Haltung der Betroffenen,
die man etwa folgendermaßen wiedergeben kann: Sie sind davon
überzeugt, dass ihre Lage einzigartig ist. Man kann beim besten
Willen nicht sagen, dass alles in Ordnung sei, wir haben Schwierigkeiten,
und deshalb wollen wir ja etwas verändern. Aber eine einfache
Krankheit, die man einigermaßen durchschauen und über
die man überall nachlesen kann, haben wir nicht.
Es ist alles komplizierter. Das Ziel kann nicht darin bestehen,
so zu werden wie alle anderen auch. Auf der einen Seite wissen wir
nicht genau, wie wir sind, und wir wollen es in Wirklichkeit auch
gar nicht so recht wissen.
Diejenigen, denen wir im täglichen Leben begegnen, sind wahrlich
keine erstrebenswerten Vorbilder, etwa bei ihrer Art, Verantwortung
wahrzunehmen, ihre Dinge in Ordnung zu bringen oder die elementaren
Regeln der Hygiene einzuhalten. Ein Urteil müssen sie sich
allemal gefallen lassen: Sie sind oberflächlich und machen
es sich leicht. Das kann es auch nicht sein.
Auf der anderen Seite übertreiben wir vielleicht ein wenig
und machen es uns schwer. Wo liegt die Wahrheit?
Was ist richtig? Keiner kann die einzigartig schwierige Situation,
in der wir uns befinden, je verstehen, davon sind wir überzeugt.
Diese zerrissene, zwiespältige Haltung ist bei allen Betroffenen
nachweisbar. Sie scheint sie etwas zu beruhigen, damit sie nicht
zugeben müssen, dass die Krankheit sie auf den ganz falschen
Weg geführt hat.
Wie gehen sie dabei vor:
Sie versuchen, zwanghaftes Denken durch Werte, die gesellschaftlich
hoch angesehen sind, zu rechtfertigen. Diese Operation hat letztlich
zum Ziel, die Kluft zwischen den konventionellen Lebensregeln und
den ganz besonderen des Zwanges zu überbrücken. Sie wird
dadurch begünstigt, dass die Vorstellungen, die in der Zwangserkrankung
auftauchen, von vornherein einen Hauch von Plausibilität haben.
Beim Verlassen einer Wohnung kann ein Haushaltsgerät in Betrieb
bleiben, und das birgt potentiell die Möglichkeit eines Schadens,
trotz moderner Sicherheitsmaßnahmen. Es gibt die Möglichkeit,
sich draußen mit einer Krankheit anzustecken, und beim Autofahren
kann ein fremder Mensch verletzt werden oder gar zu Tode kommen.
Wenn unendliche Kontrollen bei Haushaltsgeräten vorgenommen
werden oder auf das Autofahren verzichtet wird, so ist es für
den Zwangskranken relativ einfach, sein von der Krankheit diktiertes
Vorgehen als Ergebnis einer übersteigerten Hingabe an Werte
wie Verantwortungsgefühl, Vorsicht und Ernsthaftigkeit im Umgang
mit den Dingen des Lebens auszugeben. Auch Hygienevorschriften,
Sorgen (wenn auch übertriebene) um die eigene Gesundheit, aber
vor allem um die der anderen, eignen sich vortrefflich für
denselben Zweck.
Doch ich hoffe, wir haben gesehen, dass die Symptome einer Zwangserkrankung
nicht an sich vernünftige, wenn auch übertriebene Vorsichtsmaßnahmen
darstellen, die dem Leben an sich förderlich sind.
Eine Zwangserkrankung ist etwas ganz anderes.
An der Stelle kann einem Betroffenen nur eine möglichst große
Ehrlichkeit mit sich selber weiterhelfen. Sein Feind ist nicht eine
zu oberflächliche Gesellschaft, es sind auch nicht »die
anderen«, der Feind steckt in einem selber.
Es ist der Zwang, bestehend aus irrationalen Befürchtungen
und Gefühlen und den Mitteln, die dagegen ein-gesetzt werden:
Zwangshandlungen jeglicher Art.
Sie sind
es, die in Wirklichkeit das Leben bedrohen!
3.
Beobachten Sie ihn, kommen Sie ihm auf die Schliche und lernen Sie
ihn immer besser kennen.
Statt
das zu ignorieren, zu verdrängen oder gar noch verteidigen
zu wollen, was einem schadet, einem selbst und anderen Leid zufügt,
sollte man es möglichst kennen lernen, um die eigene Chance
zu verbessern, immer besser Widerstand leisten zu können, mit
dem Ziel, es schließlich zu überwinden.
Jeder Betroffene denkt, dass er die eigenen Probleme, die mit dem
Zwang verbunden sind, zur Genüge, ja nur allzu gut kennt.
Dem müssen wir aus Erfahrung widersprechen.
Vieles von dem, was in kritischen Situationen abläuft, läuft
quasi automatisch ab, d.h. auf einer sehr niedrigen Bewusstseinsstufe.
Vieles andere, was Sie im Rahmen des Zwanges denken oder tun, erscheint
Ihnen so selbstverständlich, dass Sie es gar nicht mehr groß
zur Kenntnis nehmen.
Fangen Sie an, bestimmte Denk- und Verhaltensabläufe ganz bewusst
zu beobachten:
Wann fängt es genau an? Gibt es bestimmte Anstöße
von außen wie die Begegnung mit einem Menschen, der Ihnen
»schmuddelig« erscheint? Folgt unmittelbar danach ein
Gedanke wie: »Der könnte mit Aids infiziert sein«,
oder ein Gefühl etwa des Ekels oder der Angst?
Wie sind
Ihre ersten Reaktionen? Fangen Sie an sich selber zu überwachen,
z.B. um zu vermeiden etwas zu berühren, was die Person angefasst
hat? Nehmen Sie sich vor, zu Hause ein besonderes »Vorsichtsreinigungsprogramm«
zu absolvieren? Wie verändert sich Ihr Gefühl im Lauf
der nächsten Zeit?
Wie sehen Ihre Reinigungsrituale vornehmlich aus?
Wie gehen Sie genau vor, wenn Sie die Hände waschen? Welche
Auswirkungen hat es auf Sie? usw.
Oder : Registrieren Sie ganz exakt, wie Ihr Kontrollprogramm aussieht,
bevor Sie die Wohnung verlassen? Was kontrollieren Sie alles? Wie
viel Zeit dauert der Gesamtvorgang? Wie genau sieht die Kontrolle
der Wasserhähne aus? Welche Bewegungen führen Sie dabei
aus? Was denken Sie, wenn Sie sehen: Es läuft doch kein Wasser
aus den Hähnen?
Trauen Sie dabei Ihren Augen? Welche Gefühle haben Sie dabei?
Was muss sich einstellen, damit Sie einen bestimmten Teil abschließen?
Welche Gedanken folgen unmittelbar danach? Welche Gefühle?
usw.
Welche Zwangsgedanken und -handlungen ereignen sich im Laufe eines
Tages? Wann kommen Sie besser zu-recht und wann nicht?
Auf diese Art werden Sie das Ausmaß, das der Zwang angenommen
hat, besser überschauen.
Sie werden Aspekte kennen lernen, wie Unvollständigkeitsgefühle
bei Kontrollen oder Rückzugs- und Vermeidungsreaktionen, die
Ihnen schon gar nicht mehr auffallen.
Erschrecken Sie nicht und werden Sie nicht verzagt, wenn sie feststellen,
dass die Zwangssymptome noch zahlreicher und komplizierter sind,
als sie vermutet hätten. Die Voraussetzung für eine Besserung
ist, dass Sie sich dem ganzen Zwangskomplex stellen, ihn noch genauer
kennen lernen. Seien Sie ehrlich zu sich selber, dass ist die unabdingbare
Voraussetzung für jeden Fortschritt. Fangen Sie an, andere
Menschen mit neuen Augen zu beobachten.
Vielleicht
haben Sie sich bislang wenig dafür interessiert, wie andere
Menschen, auch solche, die Sie schätzen und mögen, sich
in bestimmten Situationen verhalten, die für Sie ein großes
Problem darstellen.
Sie mögen denken: Das betrifft mich nicht, die sind ja gesund,
oder vielleicht: Ich lebe in meiner Welt, die der anderen geht mich
nichts an. Oder sogar: So wie die anderen möchte ich gar nicht
sein.
Aber das Wahrscheinlichste ist: Sie wissen nicht genau, was die
anderen denken und wie sie bestimmte Dinge tun, obwohl Sie das ja
feststellen könnten.
Beobachten Sie einmal genau, wie der Bürokollege seinen Schreibtisch
abschließt und wie die Freundin ihre Hände wäscht,
bevor sie zu Tisch geht. Die Betonung, Sie werden es gemerkt haben,
liegt auf dem Wie: Wie macht sie es, wie hält sie die Hände
unter das Wasser, wie genau seift sie sich ein? usw.
Fragen Sie ruhig einmal jemanden: Was geht dir durch den Kopf, wenn
du hörst, wie Lebensmittel behandelt werden? Was machst du,
um dich und deine Familie einigermaßen zu schützen? Warum
erscheint dir das ausreichend?
Oder: Wie machst du es, wenn du die Wohnung in der Früh verlässt,
um an die Arbeit zu gehen?
Dann vergleichen Sie Ihre Vorgehensweise mit der der anderen.
Das Ganze sollte nicht dazu führen, dass Sie sich verrückt
oder minderwertig vorkommen, sondern dazu ,dass Sie das, was Sie
tun und wie Sie es tun, nicht mehr für selbstverständlich
oder für das einzig Mögliche halten.
Beobachten Sie erst mal nur, fragen Sie an der einen oder anderen
Stelle nach oder vergleichen Sie. Dann können Sie anfangen,
sich Ihre Gedanken zu machen.
4. Stellen Sie dem Zwang Fragen, halten Sie nichts von dem,
was er von Ihnen verlangt, für selbstverständlich und
geben Sie nicht mehr automatisch nach.
»Dem
Zwang stellt man keine Fragen, vor allem nicht die Frage, warum
er uns zwingt, die Welt auf eine ganz einseitige Art zu sehen, in
der Gefahren, Schmutz, Ekliges und Böses allgegenwärtig
sind«, bemerkte einmal eine Patientin.
Mit dem Zwang diskutiere man nicht, meinen andere. Dieses Verbot
zu durchbrechen, und sei es nur am Anfang an der einen oder anderen
Stelle, ist ein ganz wichtiger Schritt für alle Betroffenen.
Sie befinden sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel und
nehmen die Mitbenutzer gleich bei Ihrem Einstieg als undifferenzierte,
feindselige Masse von möglichen Trägern von Schmutz und
Ansteckendem wahr und ziehen sich reflexartig in sich selber zurück:
Nur nie jemanden berühren, nur nirgendwo rankommen, den eigenen
Körper, die Kleidung schützen, vor allem nichts nach Hause
einschleppen, wo alles rein zu sein hat.
Sie verharren in der Haltung, sind überwachsam und aufmerksam,
angespannt und fixiert auf die Gefahren und das Eklige, die der
Zwang ihren Gedanken aufdrängt. Ihr ganzes Verhalten, Ihr Denken
und Fühlen wird von dieser einseitigen Art, die Situation zu
erleben, diktiert, seit die Krankheit ausgebrochen ist, und Sie
stellen diese Art die Dinge wahrzunehmen gar nicht mehr in Frage.
War das immer so? Versuchen Sie sich an die Zeit vor dem Ausbruch
der Zwangserkrankung zu erinnern: Wie haben Sie die Welt damals
erlebt? War sie nicht bunter, vielfältiger, in einem Wort menschlicher?
Fühlten Sie sich damals nicht freier, entspannter, mehr als
Herr der Lage? Mit Sicherheit.
Und warum ist es plötzlich, seit dem Beginn des Zwanges, so
anders?
Wieso erscheint es so definitiv anders?
Ist es, weil Sie alles in allem klüger, weitsichtiger, vorsichtiger,
sich allgegenwärtiger Gefahren des Lebens stärker bewusst
geworden sind? Ist es wirklich so, dass Sie durch die ganze Entwicklung
gewonnen haben, dass Sie sich größer und selbstbestimmter
fühlen, dem Leben voll ins Auge zu sehen?
Wenn Sie ehrlich sind, werden Sie zugeben, dass dem nicht so ist.
Würden Sie so denken, so würden Sie Ihren ärgsten
Feind verteidigen.
Wenn Sie ernsthaft Ihrem Gefühl nachsinnen, dann fühlen
Sie sich keineswegs stärker, sondern klein und hilflos, wie
ein Kind ausgeliefert an tausend Regeln, Gebote und Verbote, die
den Zwang ausmachen.
Ich möchte an dieser Stelle keine »Dämonenbeschwörung«
empfehlen, aber fragen Sie den zwanghaften Anteil in Ihnen, also
den Zwang einmal ganz ruhig: Warum ist das jetzt so? Warum muss
ich die Welt so erleben und nicht mehr so wie noch vor zwei Jahren?
Warum kann ich nicht so Autobus fahren wie alle anderen auch: Der
eine liest Zeitung, diese beiden Jugendlichen unterhalten sich angeregt,
die ältere Dame schaut entspannt zum Fenster heraus. Warum
ist das bei mir ganz anders?
Als eine meiner Patientinnen zum ersten Mal anlässlich einer
Autobusfahrt anfing, derlei verbotene Warum-Fragen zu stellen, um
alles nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen, erhielt
sie eine »Antwort«, die sie sehr erschütterte:
Ich will dich klein und hilflos sehen, ich bin stark, du bist nichts.
Sie hörte nicht plötzlich »Stimmen«, sie behielt
die ganze Zeit ihr normales Bewusstsein und war nicht plötzlich
»verrückt« geworden. Im Gegenteil: Zum ersten Mal
nahm sie die Dinge, die von ihr verlangt wurden, nicht mehr automatisch
hin, so als sei dies das einzig Mögliche und Sinnvolle.
Das heißt
zum ersten Mal seit längerer Zeit war sie sich ihrer Lage bewusst.
Sie war sozusagen auf einer höheren Bewusstseinsstufe, verglichen
mit ihrem üblichen Zustand, der ganz vom Zwang beherrscht wurde.
Als sie sich von dem ersten Schreck und der anschließenden
Traurigkeit, die die »Antwort«auslöste, erholt
hatte, fing sie an, sich diese Fragen immer öfter zu stellen,
und erlebte etwas, das sie schon lange nicht mehr kannte: Sie fing
an, in zunehmendem Maße sich innerlich aufzulehnen, und verspürte
einen immer größeren Widerwillen gegen die einseitigen
Botschaften des Zwanges.
Sie fühlte sich mit der Zeit ihm gegenüber flexibler.
Es traten Erinnerungen auf an den Vater, der ihr ständig eine
ähnliche »Lebensphilosophie« vermittelt hatte (»pass
auf«, »überall lauern Gefahren«, »die
Welt ist schlecht, dreckig«, »du schaffst es nicht«,
usw.), und sie fing an, sich zunehmend auf sich selbst zu besinnen
und Partei für andere Teile der eigenen Person und andere Ansichten
zu entwickeln (»ganz so ist die Welt nun auch wieder nicht«,
ich bestimme über mich selber«, »das sehe ich ein,
das nicht«, » ich will nicht mehr so hilflos und so
klein sein«).
Es dauerte längere Zeit, bis sie diese neuen Erlebnisse klar
aussprechen konnte, aber sie bekam im zunehmenden Maße das
Gefühl, dass es etwas in ihr gab, das sie bekämpfen musste
und auch bekämpfen konnte, im Interesse des eigenen Lebens.
5.
Fordern Sie ihn heraus, experimentieren Sie mit ihm.
Dann
fing sie allmählich an zu experimentieren, wie sie es selber
nannte. Sie war nicht in der Lage, alles von einem Tag zum anderen
»umzukrempeln«. (Wie wir schon weiter oben sagten, sollten
vom Zwang Betroffene keine Wunder von sich selbst erwarten.)
Aber sie wurde mutiger und fing an, vieles auszuprobieren, was sie
sich schon lange nicht mehr zugetraut hatte, ja manchmal, den Zwang
geradezu herauszufordern.
Im Autobus blieb sie das eine Mal stehen, wie der Zwang es verlangte
(»bloß mit nichts in Berührung kommen«),
aber nicht mehr so, als sei es das Selbstverständlichste der
Welt. Sie sah ganz bewusst die anderen Fahrgäste an, die auf
ganz natürliche Weise die freien Plätze eingenommen hatten,
und fragte sich: Warum ich? Sind die denn blöd oder stimmt
etwas mit mir nicht? Warum darf ich mich nicht auch hinsetzen?
Beim nächsten Mal, während sie wieder stand, stellte sie
sich vor, wie es wäre, sich auch hinzusetzen. Sie versuchte
das Bild, sie als Sitzende unter Sitzenden, eine ganze Weile in
sich aufrechtzuerhalten.
Ein anderes Mal streifte sie ganz bewusst einen Sitz mit ihrem Mantel
und fragte sich fast trotzig: So, was nun? Geht die Welt jetzt unter?
Sie versuchte in sich hineinzuhorchen, ob sich auf der Stelle ein
unerträglicher Ekel oder eine maßlose Angst einstellen
würden, und zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass
dem nicht so war.
Zu Hause hing sie ihren Mantel ganz bewusst an den üblichen
Haken, ein leichtes Unbehagen kam auf und die üblichen Gedanken
an eine endlose Weiterverbreitung von irgendwelchen Gefahrenstoffen.
Sie blieb ganz bewusst vor dem Mantel stehen, und nach einiger Zeit
packte sie eine Art Wut über ihre ganze verfahrene Lebenssituation.
Dann legte sie ganz bewusst die Hand auf den Mantelsaum und hielt
sie vor die Augen. Nichts geschah. Die Hand fühlte sich an
wie immer.
Dann überkam es sie. Ganz langsam, aber mit einer sicheren
und entschlossenen Bewegung fuhr sie sich mit der Hand durch die
Haare. Sie würde nie diesen Augenblick vergessen. Wut, Trotz,
Angst vor der eigenen Courage und alle möglichen anderen Gefühle
mischten sich und machten schließlich einer Empfindung des
Stolzes, ja fast des Triumphes Platz.
Es war nicht das Ende der Zwangserkrankung, aber mit einiger Hilfe
der Anfang von einer Besserung, die bis zur vollständigen Heilung
voranschritt. Dieses Beispiel zeigt die allmähliche innere
Distanzierung von den starren Gesetzen, die der Zwang einem Menschen
auferlegt. Sie stellte zunehmend das in Frage, was sie bisher bloß
hinnahm.
Dadurch wurde sie immer mutiger, ja experimentierfreudig, bis eine
Art innere Rebellion gegen den Zwang ausbrach.
6.
Zwingen Sie sich, zwanghafte Gedanken und Befürchtungen immer
konkreter werden zu lassen.
Zwangsbefürchtungen
und überhaupt alle Zwangsgedanken haben gemeinsam, dass sie
ein Thema vorgeben (in der Regel ein ganz schreckliches und angsteinflößendes),
das aber wenig ausformuliert ist. Der Gedanke an sich ist recht
abstrakt und wirklichkeitsfern. In der Regel handelt es sich dabei
um schreckliche Dinge, die der Betroffene tun könnte. Wie aber
die Ausführung der »schrecklichen Tat« aussehen
soll, wird so gut wie nie deutlich.
Der Betroffene erschrickt vor dem Gedanken und wird an allen Ecken
und Enden immer wieder in angsteinflößender Weise daran
erinnert. Er unternimmt alles Mögliche dagegen, fragt sich
aber nie: Worum geht es denn eigentlich wirklich und wie könnte
es denn wirklich zur Ausführung einer solchen Tat kommen?
Es geht also in den zwanghaften Grübeleien über ein Thema
(»Könnte es sein, dass ich, ohne es zu wollen, meine
Eltern durch ein Essen mit Chemikalien vergifte?«) immer um
das >Ob< und nie um das >Wie<.
Nun könnten Betroffene meinen, das ständige Fragen, ob
eine solche Tat geschehen könnte und was zu tun sei, um sie
zu verhindern, reiche doch aus. Es müsse doch noch viel schrecklicher
sein, sich auch noch über das Wie Gedanken zu machen.
Da sind wir ganz anderer Meinung. Im Gegenteil: Sobald Betroffene
konkret werden, d.h. dem Wie nachgehen, lässt die Angst rasch
nach und in vielen Fällen lösen die Zwangsgedanken sich
ziemlich bald in Luft auf.
Ich will Ihnen ein Beispiel geben.
Der Gedanke, die Eltern zu vergiften, war einer der Zwangsgedanken
der 26-jährigen Carola.
Ich zwang sie in der Therapie dazu, mit mir ganz ausführlich
folgende Fragen zu besprechen (vgl. Hoffmann 1998, S. 313):
Wann ist die Gefahr am größten, am Wochenende oder in
der Woche?
Am Wochenende eher am Samstag oder am Sonntag? Am Sonntag eher beim
Frühstück, beim Mittagessen oder beim Abendessen?
Beim Mittagessen während oder vor dem Essen? Kommt vor dem
Essen das Gift eher in die Suppe, zum Fleisch oder in die Beilagen?
Welches Gift kommt in die Suppe?
Um welche Marke handelt es sich bei dem Spülmittel? Wie ist
die chemische Zusammensetzung?
Welche Menge muss in die Teller gelangen, damit zumindest eine erhebliche
Vergiftung entsteht?
Ab welcher Dosis könnte der Tod eintreten?
Würde sich dadurch die Farbe oder der Geschmack der Suppe verändern?
Wo steht üblicherweise die Flasche mit dem Spülmittel?
Auf welche verschiedenen Arten und Weisen kann das Gift in die Teller
gelangen?
Wie muss die Flasche umgekippt werden, dass Gifte in beide Teller
gelangen?
Müssen es beide sein oder reicht auch einer?
Wenn es beide sind, muss die Flasche dann 2-mal umkippen?
Wie müssen Flasche und Teller relativ zueinander stehen? Usw.
Je mehr
Carola anfing, sich mit Details der Ausführung zu beschäftigen,
desto ruhiger wurde sie, im Gegensatz zu dem, was man annehmen könnte.
Der üblicherweise unausformulierte und wirklichkeitsferne Zwangsgedanke
wird in seiner ganzen Irrationalität und Irrealität entlarvt,
sobald man ihm »auf den Zahn fühlt«.
Sehen Sie sich Zwangsgedanken und -befürchtungen genau an,
anstatt automatisch die Flucht davor zu ergreifen. Entlarven Sie
sie als »zwanghafte Hirngespinste«, die so gut wie nichts
mit Ihren wahren Absichten zu tun haben und überhaupt nicht
in Ihr Leben passen. Je mehr Sie sich konkret damit beschäftigen,
desto mehr werden Sie die Angst davor verlieren und um so stärker
wird sich die Einsicht durchsetzen: So etwas würde ich nie
tun. Das passt gar nicht zu mir. Wie soll das denn in Wirklichkeit
geschehen? So etwas ginge ja gar nicht.
Carola hatte auch die »Befürchtung«, sie könne
im Vorbeigehen, ohne es zu wollen und es zu merken, den Elektroherd
»mit der Hüfte« anstellen. Als Übung sollte
sie an drei aufeinander folgenden Tagen jeweils 3 mal 10 Minuten
versuchen, es zu tun, gab aber schon am ersten Tag auf. Wundert
Sie das?
7.
Lernen Sie immer besser, die gegenwärtige Wirklichkeit zu überschauen,
und werden Sie immer stärker zum Subjekt kritischer Situationen.
Der Zwang
beherrscht Menschen bis hin zu ihrer Wahrnehmung.
In kritischen Situationen ist ihre Aufmerksamkeitüberaktiv
und auf einige für sie relevante Details konzentriert. So starren
sie wie gebannt auf einen Fleck auf der Erde, der ihnen verdächtig
vorkommt, und sehen nichts anderes mehr. Beim Kontrollieren des
Elektroherdes fixieren sie die Knöpfe, bis sie ihnen schwammig
und unscharf vorkommen. Sie bekommen dann sehr schnell das Erlebnis,
das wir Unvollständigkeitsgefühl genannt haben, trauen
den eigenen Augen und ihrem Urteil (»Ich sehe ja, dass die
Zeiger auf Null stehen«) nicht mehr, sind nicht in der Lage,
den Vorgang abzuschließen und fangen von neuem mit ihren Kontrollen
an, diesmal, indem sie an den Knöpfen herumdrehen, usw.
Eines der besten Mittel, um den Zwang beherrschen zu lernen, statt
von ihm beherrscht zu werden, ist sich selbst systematisch zu trainieren,
wieder Situationen voll und ganz, mit hellem, wachem Bewusstsein
zu erleben und zu überblicken.
Ich nenne das wieder zum Subjekt einer Situation werden.
Ich möchte das an Hand eines Beispiels aufzeigen.
Frank hatte große Schwierigkeiten seine Wohnung zu verlassen,
weil er immer ein »unbefriedigendes Gefühl« dabei
hatte. Das war auch dann der Fall, wenn er eine angenehme Unternehmung
wie einen Besuch bei der Freundin vorhatte. Er fing dann an, alles
Mögliche zu kontrollieren. Diese Kontrollen hatten in Wirklichkeit
zum Ziel, einen anderen zufrieden stellenderen Zustand in sich selber
herzustellen.
Das sah dann ungefähr so aus:
Frank
verlässt das Haus und schließt die Wohnungstür ab.
Wie so häufig beschwert er sich, dabei nichts »rechtes
zu empfinden«. Er spürt sich weder vor der Tür noch
wenn er sie zugemacht hat, noch beim Abschließen, noch wenn
er schließlich im Hausflur davor steht. Alles ist so vage
und unbefriedigend, dass er nicht das Gefühl hat, einen Verhaltensabschnitt
ordnungsgemäß absolviert zu haben, so dass das Leben
organisch weitergehen kann.
Nehmen wir einen anderen Ablauf:
Frank steht in der Wohnung vor seiner Wohnungstür. Es ist Samstag,
14:30 Uhr. Er sieht sich die Tür an und bemerkt wieder den
rissigen braunen Farbanstrich, der am unteren Teil fast ganz abgeblättert
ist. Ich muss sie dringend streichen, wie so manches in der Wohnung,
sagt er sich. Spätestens im Frühjahr werde ich mich daranmachen.
Die Freundin hat versprochen, ihm dabei zu helfen. Das kann vielleicht
ganz nett werden, trotz der Plackerei. Er wird jetzt die Wohnung
verlassen, um zu ihr zu fahren. Gegen 15:15 Uhr wird er bei ihr
sein und er freut sich darauf. Letzten Samstag war das Treffen etwas
misslungen wegen des Streits über die nächsten Ferien.
Heute werden wir alles Notwendige in Ruhe klären, nimmt er
sich vor und auch, sie nicht ständig zu unterbrechen, um sich
durchzusetzen. Er geht auf die Tür zu, legt die Hand auf die
Klinke und öffnet sie mit einer beherzten Bewegung. Er hat
seinen Feierabend mehr als verdient. Er hat seit 9 Uhr an der Vorbereitung
seiner nächsten Klausur geschuftet und ist gut vorangekommen.
Er ist stolz auf sich, aber auch froh, jetzt endlich aus dem Haus
zu kommen. Die Sonne scheint und er freut sich auf den Spaziergang,
den sie später machen werden. Nur raus hier! Er schließt
die Tür, fast wirft er sie zu. Nun schließt er ab, 2-mal,
rund und energisch. So, zu. Er nimmt die Stufen fast im Laufschritt.
Draußen ist es hell, nicht wie in dem vergammelten Hausflur.
Vor morgen früh muss er ihn nicht mehr sehen. (Hoffmann, 1998)
Versuchen
Sie so häufig wie möglich, sich ganz bewusst in einen
Zustand zu versetzen, bei dem Sie die Dinge draußen, aber
auch das, was in Ihnen vorgeht, bewusst wahrnehmen. Dann führen
Sie das, was zu tun ist, voll bewusst und zügig durch. Das
Ergebnis wird sein, dass Sie viel weniger von Störungen in
Form von Zwangsgedanken oder -befürchtungen heimgesucht werden
und infolgedessen auch besser auf Zwangshandlungen verzichten können.
8.
Lassen Sie andere Menschen möglichst aus Ihren Zwängen
heraus.
In dem
Maße, in dem Sie Ihren Zwang besser kennen lernen, die kritischen
Situationen bewusster erleben und eine gewisse innere Distanz zu
Ihren eigenen Gedanken erlangen, sollten Sie auch in der Lage sein,
immer mehr die Verantwortung für die eigene (noch) zwanghafte
Sicht der Welt übernehmen zu können.
Wenn ich in den Supermarkt einkaufen gehe, kommen mir die üblichen
Gedanken über die mögliche Verunreinigung der Waren, sagen
wir dieser Mineralwasserflaschen.
Dies ist einer meiner typischen Zwangsgedanken. Er sagt etwas darüber
aus, dass ich noch an einem Zwang leide. Er sagt nichts aus über
den Zustand der Welt, oder dieser Flasche. Wenn ich mich (im Zwang)
verpflichtet fühle, die Flasche feucht abzuwischen, bevor sie
ihren Platz in der Küche findet, so muss ich das verantworten.
Das gibt mir nicht das Recht, dieselbe Prozedur von meiner Partnerin
zu verlangen.
Sie ist nicht von einem Zwang betroffen. Sie erlebt die Welt anders,
so wie die meisten Menschen, auch wenn mir tausend Gedanken kommen
über eine mögliche Kontaminierung der Wohnung, so sind
dies wiederum meine Gedanken. Meine Partnerin hat sie nicht. Ich
habe nicht das Recht, sie nach meinen Gedanken funktionieren zu
lassen, auch wenn es mir sehr schwer fällt.
Ich muss mich wirklich nicht schämen oder mir Vorwürfe
machen. Ich veranstalte das alles ja nicht, um andere zu ärgern,
zu kränken oder um ihnen das Leben schwer zu machen. Ich bin
auch nicht bewusst darauf aus,
Macht
über andere und ihr Leben zu gewinnen, obwohl so etwas durchaus
dabei herauskommen kann. Aber ich habe andere aus meinen eigenen
Problemen herauszulassen. Ich kann sie nicht ständig in den
gestörten Teil meiner selbst mit einbeziehen. Das ist nicht
länger tolerierbar und damit muss Schluss sein.
9.
Durchbrechen Sie Ihre Isolation.
Von Zwängen
Betroffene können sehr einsame Menschen sein, weil sie mit
allen Mitteln bestrebt sind, ihre Zwänge vor anderen zu verbergen
und einen »normalen« Eindruck zu machen.
Das ist nachvollziehbar, weil sie bei der Eigenart der Störung
ja nicht unbedingt auf das Verständnis und die Anteilnahme
anderer hoffen können. Darüber hinaus ist es schwer zuzugeben,
dass sie für andere ganz harmlose Situationen Gefühle
und Gedanken haben, die anderen fremd sind. Niemand will es riskieren
als Spinner oder gar als Verrückter abgestempelt zu werden.
Auch die Scheu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist
größer als bei anderen seelischen Problemen, weil Zwänge
auch in Fachkreisen nicht so gut bekannt sind und es wenige echte
Spezialisten dafür gibt.
Dennoch: Wenn Sie bislang versucht haben gegen Ihre Zwänge
anzukämpfen und keine oder zu wenig Erfolge hatten, sollten
Sie den mutigen Schritt unternehmen, aus Ihrer Isolation herauszutreten.
Sie müssen weder beichten noch einen Offenbarungseid leisten,
aber Sie brauchen Hilfe.
Zuerst reden Sie mit Ihrem nächsten Partner und gestehen Sie
Ihre Angst und Unsicherheiten. Daraus kann ein gemeinsamer Kampf
gegen den Zwang werden, der allen weiterhilft.
Informieren Sie sich über Ihre Erkrankung und reden Sie mit
Menschen, die sie gut kennen.
Es gibt
einmal die Möglichkeit, einen kompetenten Facharzt oder einen
Psychotherapeuten aufzusuchen und sei nur, um ein erstes Informationsgespräch
zu führen.
Wenn Sie zu stark an Ihren Zwängen leiden, wenn sie Ihr Leben
gravierend behindern oder wenn Sie merken, dass Sie überhaupt
nicht mehr damit fertig werden, dann sollten Sie eine gezielte Einzeltherapie,
am besten eine Verhaltenstherapie, bei einem auf Zwänge spezialisierten
Therapeuten in die Wege leiten.
Über eine solche Therapie möchten wir noch kurz berichten.
Doch zuerst noch ein paar Worte an die Angehörigen von Betroffenen.
Was
Angehörige tun können
Nahe
Kontaktpersonen von Betroffenen leiden unter einer Zwangssymptomatik
nicht selten so stark wie diese, ja in einigen Fällen sogar
mehr.
Das ist vor allem dann der Fall, wenn sie in den Zwang mit einbezogen
sind, z.B. in dem Sinn, dass auch sie Vorsichts- und Reinigungsrituale
ausführen sollen, z. B., damit die Wohnung nicht »verseucht«
wird.
In fast allen Fällen müssen Partner oder andere Angehörige
Rückversicherungen abgeben, da die Betroffenen selten in der
Lage sind, sich selber innerlich so zu organisieren und zu steuern,
dass sie mit gutem Gewissen Situationen abschließen können,
ohne ständig von Selbstzweifeln geplagt zu werden.
So werden Angehörige oft zu einem ihnen sinnlos er-scheinenden
oder gar abstrusen Verhalten verleitet, oft geradezu gezwungen.
Sie erleiden dadurch nicht selten Einschränkungen in ihrem
eigenen Leben, die mit der Zeit und der Ausbreitung der Zwänge
immer schwerer zu ertragen sind.
Ich möchte Ihnen als Angehörige hier vier Arten von Maßnahmen
empfehlen, die in aller Interesse sind.
1.
Schaffen Sie eine gemeinsame Gesprächsbasis.
Für
den Fall, dass Sie vermuten, jemand aus Ihrer näheren Umgebung
könne Probleme in dieser Richtung haben, so informieren Sie
sich erst einmal über die Krankheit. Lesen Sie allgemein verständliche
Literatur darüber, oder suchen Sie einen Gesprächspartner
auf, mit dem Sie Ihre Vermutung fundiert besprechen können.
Das ist kein Verrat an Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin, sondern
ein Schritt in aller Interesse.
Melden
Sie ihn oder sie nicht gleich zu einer Therapie an: Das wäre
sinnlos und übereilt.
Wenn Sie sich ziemlich sicher sind, dass etwas in der Richtung vorliegt,
dann suchen Sie in aller Ruhe ein klärendes Gespräch.
Ihr Partner hat nicht mehr länger das Recht, seine Schwierigkeiten
zu seiner Privatangelegenheit zu erklären, aufgrund ihrer Auswirkungen.
Fangen Sie das Gespräch an mit dem Satz:
Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass du ...
Ich fürchte, du hast da ein Problem, und es ist dabei
auch ein Problem für unsere Partnerschaft (oder für unsere
Familie) zu werden ...
Du verlangst von mir, dass ich ...
Immer wenn ich dies oder jenes tu, reagierst du, indem du ...
Ich glaube es ist an der Zeit, dass wir darüber reden. Verlangen
Sie am Anfang keine lückenlose Beschreibung
der Gesamtsymptomatik oder eine Art Kapitulationserklärung.
Begnügen Sie sich damit, die Basis für weitere gemeinsame
Gespräche und für einen gemeinsamen Umgang mit den Schwierigkeiten
zu legen.
Sollte die betroffene Person alles abstreiten, so lassen sie ihr
Zeit. Sagen Sie bloß: Wenn du nicht gleich mehr mit mir darüber
reden willst oder kannst, so ist das für mich in Ordnung. Aber
ich bleibe bei meiner Angst, dass etwas nicht stimmt. Lass es dir
durch den Kopf gehen.
Kommen Sie nach einiger Zeit wieder auf das Thema zurück, wenn
nichts geschieht.
Auf diese Art helfen Sie der betroffenen Person, den völlig
natürlichen Widerstand in Form von Scham oder von Peinlichkeit
zu überwinden, der für fast alle typisch ist.
2.
Maßnahmen im gemeinsamen Interesse
Die Zeit,
bevor die betroffene Person offen mit Ihnen reden kann, und auch
die erste Zeit danach stellen sicherlich schwere Momente für
Sie dar. Es ist umso wichtiger, dass Sie trotzdem nicht den Kopf
verlieren, nur mehr an die Störung denken und sozusagen alles
durch die Brille des Zwanges sehen.
Auch bei einer schweren Störung reagiert Ihr Partner, Ihre
Partnerin in vielen Lebensbeziehungen völlig normal. Versuchen
Sie, das Gewicht so viel wie möglich darauf zu legen. Stellen
Sie auf keinen Fall die ganze Beziehung in Frage, indem Sie meinen:
Bis er oder sie gesund ist, müssen wir uns auf die Krankheit
konzentrieren.
Im Gegenteil: Setzen Sie so oft wie möglich problemlose gemeinsame
Aktivitäten in Gang. Helfen Sie der betroffenen Person, sich
auf ihre Stärken und Interessen zu besinnen. Ihr gemeinsames
Leben darf nicht stehen bleiben. Je mehr passiert, bei dem der Zwang
keine oder nur eine geringe Rolle spielt, desto besser ist es für
alle, auch für die gemeinsame Zukunft.
3.
Maßnahmen im Interesse der Betroffenen
Zuerst
möchten wir angeben, womit Sie keinen Erfolg haben werden.
Es ist sinnlos, durch Druck, durch moralische Appelle oder durch
Appell an" den gesunden Menschenverstand Betroffene von ihrem
Zwang abbringen zu wollen. Sie sind auch nicht in der Lage, ihre
Störung abzulegen, indem sie sich »bloß zusammenreißen«!
Sagen Sie auch nicht: Bin ich es dir denn nicht wert!
Betroffene handeln so wie sie handeln nicht deshalb, weil andere
ihnen nichts bedeuten, sondern weil sie krank sind.
Auf der anderen Seite muss der Betroffene unmissverständlich
erfahren, dass Sie als gesunde Person seine Sicht der Dinge nicht
teilen.
Lassen Sie sich auf keinen Fall in Diskussionen verwickeln über
die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Unglück eintreffen werde,
wenn die betroffene Person ihre Zwangshandlung nicht ausführt.
Seien Sie ganz ehrlich und sagen Sie einfach: Das ist für mich
kein Thema. Setzen Sie klare Grenzen dort, wo der Betroffene von
Ihnen verlangt, ein ähnliches Zwangsverhalten wie er auszuführen.
Sagen Sie deutlich: Bis hierher und nicht weiter, auch wenn es daraufhin
zu schweren Auseinandersetzungen kommt.
Die kranke Person muss mit der Wirklichkeit konfrontiert werden,
damit sie die Motivation entwickelt, gegen ihre Zwänge, etwa
mit therapeutischer Hilfe, anzukämpfen.
Holen Sie sich Hilfe durch Gespräche mit einer Fachperson oder
im Kreise von Angehörigen von Betroffenen.
Sie drücken Ihre Zuneigung am besten dadurch aus, dass Sie
die gesunden Teile Ihres Angehörigen weiterhin lieben, achten
und respektieren, sich aber klar gegen die Störung stellen.
Informieren Sie ihn am Anfang über Möglichkeiten der Hilfe,
machen Sie ihm Material zugängig usw.
Aber versuchen Sie ihn nicht zu überrennen, indem Sie ihn z.B.
ohne sein Wissen irgendwo anmelden: Das würde zu nichts führen.
4.
Maßnahmen im Interesse der Angehörigen
Niemand
ist durch Liebe, guten Willen oder eigene Anstrengungen in der Lage,
jemanden von seinem Zwang zu befreien. Suchen Sie weder in der Vergangenheit
noch jetzt die Schuld bei sich. Die betroffene Person ist nicht
krank geworden, weil Sie etwas falsch gemacht haben. Sie
behält ihre Krankheit nicht, weil Sie aktuell etwas versäumen.
Sie können nicht die Rolle der Therapeuten übernehmen.
Vergessen Sie Ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse nicht. Auch
wenn Ihr Partner krank geworden ist, helfen Sie ihm nicht dadurch,
dass Sie sich permanent ins Aus stellen und auf alles verzichten,
nur weil der Zwang anderer Meinung ist. Zeigen Sie dem Partner,
dass Sie ein eigenständiger Mensch bleiben und dass Sie gerne
bereit sind, wieder alles mit ihm zu teilen, wenn er etwas gegen
seine Störung unternimmt.
Aber Sie müssen an der Stelle in seinem und in Ihrem Interesse
sagen: Jetzt oder nie ist er dran.
Es gibt wirkungsvolle Hilfe für Zwangskranke. Es fällt
ihnen nicht leicht, sie in Anspruch zu nehmen. Aber meistens haben
sie keine andere vernünftige Wahl.
Psychotherapie
Zwangsstörungen
sind seelische Erkrankungen, die nach wie vor viele Rätsel
aufgeben. Sie treten auf der ganzen Welt auf, in ganz verschiedenen
Kulturkreisen. Es gibt wissenschaftliche Belege dafür aus allen
westlichen Ländern, aber auch aus Indien, Hongkong, Taiwan,
Ägypten und Sri Lanka, unter anderem. Sie haben überall
fast die gleichen Symptome. Man geht davon aus, dass in Deutschland
etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung von Zwangserkrankungen
im engeren Sinne betroffen sind. Das ist sehr viel, bedenkt man,
dass daneben zahlreiche Menschen an Zuständen leiden, die eine
gewisse Ähnlichkeit damit haben. Nicht berücksichtigt
sind bei dieser Berechnung Menschen, die die Struktur der zwanghaften
Persönlichkeit aufweisen. Zwangskranke leiden typischerweise
häufig zusätzlich an anderen seelischen Störungen
wie Depressionen, Ängste anderer Art, Essproblemen und so weiter.
Die Erforschung der Ursachen ist heute so weit fortgeschritten,
dass erste Angaben darüber möglich sind. Mit großer
Wahrscheinlichkeit sind Zwangserkrankungen auf ein ganzes Bündel
von Ursachen zurückzuführen. Es ist erwiesen, dass auch
organische Faktoren eine Rolle spielen. Es gibt zumindest zeitweise
eine Störung des Zusammenwirkens bestimmter Gehirnanteile und
auch der Gehirnstoffwechsel ist im Laufe der Erkrankung verändert.
Doch es handelt sich dabei nicht um eine irreversible Schädigung.
Wir wissen mit Sicherheit, dass nach einer erfolgreichen Therapie
diese Anomalien verschwinden. Das Mitwirken einer organischen Komponente
bei Zwängen erklärt auch, warum bestimmte Medikamente
zusammen mit Psychotherapie oft gute Dienste leisten und in einigen
Fällen unerlässlich sind.
Unbestritten ist weiter folgendes: Ein biologischer Ansatz allein
wird einer so komplexen Störung wie der Zwangserkrankung nicht
gerecht. Mit Sicherheit spielen auch Einflüsse, denen die Kranken
im Laufe ihres Lebens ausgesetzt waren, eine wichtige Rolle. Oft
steht ein Elternteil Modell für extrem verunsichertes, ja ängstliches
Verhalten. Das Kind übernimmt dann bestimmte Regeln oder Absicherungen,
Schmutz zum Beispiel oder andere Gefahren betreffend. Eine besondere
Rolle scheint auch starke Kontrolle oder harsche Kritik während
der Erziehung in diesem Zusammenhang zu spielen. Haben die Eltern
das Klima in diese Richtung geprägt, können später
bei Belastungen starke Ängste vor eigenen Fehlern auftreten,
die dann mit den Mitteln des Zwanges beschwichtigt werden. Wir haben
das an einigen Beispielen deutlich
gesehen.
Aber die Einsicht in solche Zusammenhänge allein bewirkt fast
nie eine Besserung der Erkrankung. Das ist bedauerlich, aber wir
müssen es noch einmal sagen: Mit Betroffenen über ihre
Zwänge zu reden, über ihre aktuelle Situation oder über
ihre Kindheit, das allein bewirkt keine Heilung. Angehörige
oder andere Kontaktpersonen, auch wenn sie es noch so gut meinen,
sind nicht in der Lage, Kranke von ihren Zwängen zu befreien.
Niemand soll sich als Versager fühlen, wenn es ihm nicht gelingt,
seinen Partner oder sein Kind auf die Art zu heilen. Man soll es
erst gar nicht versuchen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man sich deshalb selber den
Regeln eines fremden Zwanges unterwerfen muss, um den Betroffenen
das Leben leichter zu machen oder bloß um ständigem Ärger
aus dem Weg zu gehen. Das wäre keine Hilfe, sondern eine stillschweigende
Unterstützung des Zwanges. Hier müssen deutlich Grenzen
gesetzt werden, im eigenen Interesse und in dem der Kranken.
Es gibt Möglichkeiten der Selbsthilfe bei Zwangskranken. Wir
haben sie an anderer Stelle beschrieben. In vielen Fällen aber
reichen sie nicht aus, und es muss professionelle Hilfe in Anspruch
genommen werden.
Die Grundzüge eines wirkungsvollen therapeutischen Ansatzes
wollen wir nun kurz beschreiben.
Die Verhaltenstherapie, die modernste Form der Psychotherapie, basiert
auf wissenschaftlichen Aussagen der Psychologie. Sie versucht sie
anzuwenden, um seelische Krankheiten zu heilen. Es geht dabei nicht
bloß darum, »Verhalten« zu verändern, wie
der Name es suggerieren könnte, sondern Verhaltenstherapie
hat zum Ziel, Störungen samt ihrer Ursachen zu beseitigen.
Im Falle von Zwangserkrankungen ist sie das Mittel der Wahl. Sie
hat die besten Erfolge aufzuweisen, wenngleich es sich bei Zwangsstörungen
um komplexe Zustände handelt, die oft seit vielen Jahren das
Leben der Betroffenen beherrschen. Die Therapie kann somit relativ
aufwendig werden. Ihr zugrunde liegen zwei wesentliche Prinzipien:
Das erste
besagt, dass Störungen am ökonomischsten und am wirksamsten
in dem Milieu behandelt werden können, in dem sie üblicherweise
auftreten. Denken wir an unsere Beispiele. Die Kontrollen der Frau
Wandt und die Ängste, die ihnen vorausgehen, treten vor allem
in der Wohnung und auf der Straße auf. Herr Morten leidet
an Zwangsvorstellungen, wenn er auf Kinder trifft und von der Angst
überfallen wird, sie unabsichtlich zu schädigen. Petras
mit Vaterigem verseuchte Sachen sind in ihrer Wohnung deponiert
und Gisberts Feuerbrunstphantasien bevölkern vor allem die
Bibliothek. In der Praxis eines Psychotherapeuten können sie
lediglich darüber berichten und das, wie gesagt, reicht nicht.
Manchmal lassen sich auch für die Patienten kritische Situationen
beim Therapeuten direkt herstellen, wie das Anfassen von Türklinken
oder das Aufheben von Gegenständen, die den Boden berührt
haben. Doch es ist am besten, die Therapie so weit wie möglich
in das natürliche Milieu des Patienten zu verlegen, dort wo
die Probleme in ihrer ganzen Schärfe auftreten.
Das zweite Prinzip, das zur Anwendung kommt, ist eines der grundlegendsten
des Lebens überhaupt. Bei wiederholter Konfrontation mit Gefahren,
auch dann, wenn diese wie beim Zwangskranken durchaus subjektiv
sind, mobilisiert der Mensch schon vorhandene innere Ressourcen
und lernt neue dazu. Wenn die Bedingungen günstig sind, und
dafür hat der Therapeut zu sorgen, schafft er es immer besser,
mit seinen Ängsten umzugehen. Er gewöhnt sich schließlich
an die kritische Situation. Er kann sich immer besser von den eigenen
bedrohlichen Gedanken distanzieren und verspürt daher immer
weniger Angst. Er hat in zunehmendem Maße das Gefühl,
die Situation bewältigen zu können. Sie verliert dadurch
langsam ihren bedrohlichen Charakter, und seine zwanghaften Reaktionen
lösen sich nach und nach auf Der Umgang mit dem Leben normalisiert
sich.
Damit
dieser Prozess aber erfolgen kann, gibt es eine unabdingbare Bedingung.
Wir haben bei Zwangsstörungen grundsätzlich zwischen der
Angstseite und der Abwehrseite unterschieden. In der Therapie werden
Patienten mit Situationen konfrontiert, die ihre Ängste, Befürchtungen
und so weiter auslösen, allerdings auf eine Art, die sie nicht
überfordert. Mit ihnen müssen sie sich auseinander setzen,
aber ohne ihre übliche Abwehr dagegen in Form von Kontrollieren,
Abwaschen, Annullieren und so weiter einzusetzen. Würden sie
das tun, so würden sie ja immer wieder bloß ihre gesamte
Zwangsstörung ausleben, und es könnte von Therapie und
von Fortschritten keine Rede sein. Indem sie bewusst und freiwillig
auf den »Gegenzauber« verzichten, lernen sie die Situation
anders zu bewältigen. Das ist die Voraussetzung für eine
Heilung.
Es ist normal, dass diese Strategie den Patienten oftmals befremdlich,
ja bedrohlich vorkommt. Sie haben ja gelernt, bestimmte Situationen
zu vermeiden, und wenn dies nicht möglich ist, sie zumindest
mittels ihrer zwanghaften Abwehr zu »entschärfen«.
Nun sollen sie sich bewusst stellen und dabei auch noch auf »ihre
Maßnahmen« verzichten. Vor jeder Therapie muss ihnen
die Vorgehensweise unbedingt plausibel gemacht werden. Man beruft
sich dabei auf die zugrunde liegenden Prinzipien und auf praktische
Erfahrungen, die seit einigen Jahren damit gemacht wurden. Die Hauptschwierigkeit
der Therapie liegt darin, sie zu motivieren, zusammen mit dem Therapeuten
diesen Weg einzuschlagen und ihn durchzustehen. Unter seiner behutsamen
Leitung, auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen und seines Verständnisses
für ihre Unsicherheit sind die meisten Patienten in der Lage,
diesen momentan einzigen Erfolg versprechenden Weg zu gehen.
Ich kann hier nicht auf sämtliche Aspekte einer solchen Therapie
eingehen. (Siehe dazu: Hoffmann, 1998) Der Patient wird während
des gesamten Verlaufs einbezogen und entscheidet mit, wie vorgegangen
wird. Er fühlt sich an keiner Stelle bevormundet oder allein
gelassen.
Nun wollen wir einen kurzen Eindruck von dieser gemeinsamen Arbeit
geben.
Mit Dagmar
auf einem Bauernhof am Rande von Berlin. Kühe und Schafe sind
auch da. Wir erinnern uns, Tetanus steht für sie jetzt im Vordergrund,
aber im Grunde genommen ist es ein freier, angstloser Umgang mit
der Welt, der neu gelernt werden muss. Zuerst mit mir zusammen,
dann allein, und so, dass sie später leben kann wie andere
auch. Wie machen es denn die anderen, hatte sie ziemlich am Anfang
gefragt. Wir redeten viel darüber und sie war sehr erstaunt,
fast ungläubig, als ich ihr beschrieb, wie andere, ich eingeschlossen,
sich verhalten.
Nun sollte sie zuerst Menschen beobachten, die über Wiesen
gehen, auf denen auch Tiere sind. Sie sehen so fröhlich aus,
meinte sie. Kennen sie denn nicht die Gefahr? Wir redeten wieder
einmal über Zwang und Wirklichkeit, wie so oft schon. Also
auch zu Hause tun sie sich danach nicht schwer und starten keine
stundenlangen Aktionen, sie schien es kaum zu glauben. Ob ich es
auch lernen kann? Die Angst ist so groß.
Ich betrete die Wiese, sie zögert, kommt aber doch, etwas unruhig
zwar, den Blick zur Erde gesenkt. Alles ist genau abgesprochen.
Je weiter wir gehen, desto mehr steigt die Angst. Aber sie ist darauf
eingestellt. Sie soll den Zwang bewusst erleben und sich dabei sagen:
Das ist er, jetzt geht es los. Sie schildert mir ihr Empfinden.
Das ist abgemacht. Aber ich beruhige oder tröste sie nicht,
sie stellt sich dem Ganzen. Es tauchen Erinnerungen auf, an ihr
Leben, manche schwere Stunde. Wir reden darüber. Nach einer
halben Stunde wird sie etwas ruhiger, doch dann wieder der Gedanke:
Ich könnte damit in Berührung kommen. Das ist so auf einer
Wiese, meine ich.
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